Caroline

Irgendwann setzte sich in mir dann der Gedanke fest: ich will in die Entwicklungshilfe. Am liebsten so weit weg wie möglich, in den Busch, am besten als Hebamme. Kurz vor dem Abi entdeckte ich dann in einer Zeitschrift einen Artikel über das Projekt „Missionare auf Zeit“ (MAZ). Das war’s. Genau das wollte ich machen: für ein Jahr in einer religiösen Gemeinschaft in einem Entwicklungsland leben und arbeiten. Dann könnte ich gleich mal ausprobieren, was es mit dem Gemeinschaftsleben so auf sich hat und meine Eignung zur Entwicklungshelferin testen.

Bei all diesen Auseinandersetzungen vergaß ich manchmal, meine Teenie-Zeit zu leben und zu genießen. Ich hatte eine nette Clique von Schulfreundinnen, zufälligerweise alle ohne festen Freund, so dass es auch nicht auffiel, dass ich in der Beziehung ebenfalls zurückhaltend, um nicht zu sagen wählerisch war. Ich meine, ich hätte nichts gegen einen Freund gehabt, aber außer einigen Schwärmereien für Jungs bzw. Männer, die eh unerreichbar waren, tat ich keine konkreten Schritte in dieser Richtung. Allerdings schwärmte ich auch heftig für 2 meiner Lehrerinnen und träumte von den blauen Augen meiner Englischlehrerin.

Irgendwie konnte ich es mir auch nie so richtig vorstellen, mal zu heiraten. Ich wollte doch viel lieber in ferne Länder und Abenteuer erleben, frei und unabhängig sein.

Nach dem Abitur ergatterte ich tatsächlich einen der begehrten Hebammenausbildungsplätze und zog 500 km von zu Hause weg. Weiter verfolgte ich meinen MAZ- Plan und nahm infolgedessen auch Kontakt zu einer missionarischen Ordensgemeinschaft auf. Das Leben dort faszinierte mich. Die Schwestern waren so ganz anders als in meiner Vorstellung. Sie schienen so natürlich und locker, so weltoffen und so „normal“. Und wieder packte mich die Lust am Gemeinschaftsleben. So sehr, dass ich mich ernsthaft mit einem Leben im Orden auseinandersetzte.

Nach dem Hebammenexamen schließlich wurde es ernst. Ich war mittlerweile 23 und bekam die Möglichkeit für ein Jahr als MAZ’lerin nach Bolivien zu gehen. Dort lebte ich mit 4 Ordensschwestern zusammen in einer internationalen Gemeinschaft. Anfangs ging es mir gar nicht gut. Die fremde Sprache und Kultur, das andere Klima, das Gefühl, nichts Sinnvolles tun zu können, all das setzte mir ziemlich zu. Und dann verliebte ich mich zum ersten Mal so richtig. Allerdings war diese Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Mein Auserkorener war Inder und ging nach ein paar Monaten zurück in sein Heimatland. Doch ich hatte entdeckt, was da in mir an Gefühlen schlummerte und wie toll sich so ein Verliebt sein anfühlte. War ich vorher schon fast sicher gewesen, nach meiner Rückkehr in den Orden einzutreten, wurde ich jetzt wieder schwankend. So eine Partnerschaft hatte doch auch ihren Reiz und als Ordensschwester darauf ein Leben lang zu verzichten? Wochenlang quälte ich mich mit dieser Entscheidung, überlegte hin und her, für was ich nun besser geeignet war. Und schließlich hörte ich auf mein Bauchgefühl und entschied mich zu einem Eintritt in die Ordensgemeinschaft. Dabei war für mich klar, dass nur jene weltweite Gemeinschaft in Frage kam, denn weiterhin träumte ich vom Missionarin sein im Busch.

Kurz und gut: Ich kehrte nach Deutschland zurück, trat in den Orden ein und begann Postulat und Noviziat, das mich an verschiedene Orte führte und vielfach an meine inneren Grenzen. Manchmal war es mehr als hart, aber ans Aufgeben dachte ich eigentlich nie. Im Gegenteil: ich hatte das gute Gefühl, dass dies der richtige Lebensweg für mich sei. Dabei schloss ich auch Freundschaften mit Mitschwestern, was ich auch als sehr bereichernd empfand. Nach der ersten Profess ging es dann leider doch noch nicht nach Übersee; statt dessen zog ich in eine eher unkonventionelle kleine Gemeinschaft ein und machte noch eine Ausbildung zur Krankenschwester, um mehr Einsatzmöglichkeiten zu haben. Mit der Ausbildung kam ich prima zurecht; was nicht so gut klappte war das Leben in der Kommunität. Ich war nicht besonders glücklich, spürte, dass irgendwas fehlte, aber konnte nicht benennen, was. Die Reibereien in der Gemeinschaft setzten mir zu und irgendwie dachte ich, dass das ja kein „richtiges“ Ordensleben sei.

Auf jeden Fall wollte ich nach dem Examen die Gemeinschaft wechseln und erhoffte mir davon, wieder die Begeisterung am Klosterleben zurück. Ich fand dann auch eine Stelle in einer anderen Stadt und freute mich auf das Leben dort, mit 9 Mitschwestern. Zunächst fühlte ich mich auch sehr wohl, aber bald kamen die Zweifel und Unsicherheit wieder. In regelmäßigen Abständen fragte ich mich, ob ich wirklich so überzeugt vom Ordensleben sei. Aber dann kamen wieder Zeiten, in denen ich mich richtig gut fühlte und am rechten Platz und von der Internationalität des Ordens begeistert war. Und schließlich: War es nicht normal, auch Zweifel zu haben?

Nach einem halben Jahr aber geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: ich verliebte mich in eine Frau. So mit allem Drum und Dran- Schmetterlingen im Bauch, rosaroter Brille, Sehnsuchtsattacken… Zunächst war ich etwas überrascht, als ich diese Gefühle wahrnahm, doch es dauerte nicht lange bis ich mir meine Verliebtheit eingestand und auch annehmen konnte, dass diese Gefühle einer Frau galten. Zunächst rechnete ich noch damit, dass die Verliebtheit bald wieder abebben würde, nur ein Strohfeuer war und vielleicht ein Ventil für meine Zweifel am Orden. Aber sie hielten sich hartnäckig und wurden bald erwidert, was mich in eine arge Gratwanderung zwischen den neu entdeckten und mich so belebenden Gefühlen zu meiner Freundin und dem Leben in der Gemeinschaft, das für mich ja auch einen Sinn hatte, führte. Ich geriet in eine ständige Zerrissenheit zwischen überaus glücklichen Stunden und tiefer Niedergeschlagenheit, zwischen Hoffen und Ausweglosigkeit. Dieses Hin und Her zog sich über fast 2 Jahre. Inzwischen rückte die Entscheidung für oder gegen Ewige Profess immer näher. Damit verbunden war auch die Erteilung der Missionsbestimmung, d.h. mein Traum vom Ausland rückte in greifbare Nähe.

Schließlich entschied ich mich für den Orden, von dem ich mir immer noch mehr Lebensinhalt versprach. Gedanken an einen Austritt erfüllten mich stets mit so viel Angst, dass ich sie immer ganz schnell beiseite schob.

Mit der Zulassung für die Ewigen Gelübde bekam ich auch die Bestimmung für ein afrikanisches Land. Bei meinen Mitschwestern herrschte große Freude darüber- meine eigene Begeisterung hielt sich in Grenzen. Auf einmal bekam ich Angst vor der eigenen Courage. Außerdem erschien mir ein Leben in weiter Ferne auf einmal nicht mehr so verlockend. Gehörte doch dazu, immer wieder Beziehungen abbrechen zu müssen und nie mal richtig sesshaft werden zu können.

Kurz und gut: Zunächst stand Australien auf dem Programm, wo die Vorbereitung auf die Ewige Profess stattfinden sollte. Der Abschied von meiner Freundin fiel mir unendlich schwer, aber ich sah in der räumlichen Distanz auch die Chance, von ihr loszukommen und mich auf das zu besinnen, was ich leben wollte.

Kaum in Australien angekommen, fiel ich in ein schwarzes Loch, was ich vorher so noch nie erlebt hatte. Sehnsucht, Heimweh, Angst vor der Zukunft, Angst vor einer Entscheidung machten mich förmlich krank. Zudem fühlte ich mich in der internationalen Gemeinschaft alles andere als wohl. Ein Rettungsanker in dieser Zeit war eine polnische Mitschwester, der ich mich anvertrauen konnte. Schließlich entschied ich mich, erstmal die Vorbereitung auf die Ewige zurückzustellen und stattdessen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ich wechselte noch mal die Kommunität und hatte das große Glück eine fantastische Psychotherapeutin zu finden. Sie half mir sehr, nach und nach klarer zu sehen und schließlich konnte ich nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es mich mehr und mehr aus dem Orden zog. Allein die Angst vor dem Neubeginn, die Angst diesen Schritt eines Tages zu bedauern, hielt mich noch ab. Aber irgendwann begriff ich, dass es so nicht mehr weiterging, dass ich dabei war, ernstlich krank zu werden. So nahm ich allen Mut zusammen und entschied mich zum Austritt. Als ich diese Entscheidung angenommen hatte, fühlte ich mich augenblicklich besser, als ob eine große Last von mir abfiele.

Eine zweite Auseinandersetzung blieb jedoch noch zu führen. Die Frage meiner sexuellen Identität stand für mich auch noch im Raum. In Australien kristallisierte sich heraus, dass es keine gemeinsame Zukunft mit meiner Freundin geben würde. Überhaupt wollte ich nun, da ich mich gegen den Orden entschieden hatte, ein ganz „normales“ Leben führen. Am besten mit Ehemann und Kindern, eine christlich gesinnte Partnerschaft und ja nicht am Rand der Gesellschaft. So verbannte ich jeden Gedanken an ein mögliches Lesbischsein ins Aus, brach alle zaghaften email- Kontakte ab, die ich bis dahin geknüpft hatte und schmiss alle Bücher weg, die ich mir zu diesem Thema gekauft und bis dahin verschlungen hatte. Danach fühlte ich mich wohler.

2 Monate später kehrte ich nach Deutschland zurück, fand schnell eine kleine Wohnung und konnte bald meine alte Stelle wieder aufnehmen. Und nach wenigen Wochen wurde mir sehr klar, dass ich meine Gefühle nicht weiter verdrängen konnte. Mich zog es zu Frauen hin, das konnte ich einfach nicht mehr verleugnen. Eine Beziehung zu einem Mann konnte ich mir einfach nicht vorstellen.  Im Gegensatz dazu löste der Gedanke an eine Beziehung mit einer Frau ein ganz lebendiges, frohes, ja aufgekratztes Gefühl in mir aus.

Jetzt nahm ich auch die abgebrochenen Kontakte wieder auf und entschied mich, dem Nkal beizutreten. Ich wollte gleich Nägel mit Köpfen machen und Gleichgesinnte kennen lernen.

Tja, und dann hatte ich auch das Glück, dass mein Traum sich von einer Partnerschaft erfüllte. 4 Monate nach dem Ordensaustritt lernte ich meine jetzige Freundin kennen und fühle mich seitdem endlich zu Hause angekommen!

Caroline

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Osterfreude

Ostern ist Hoffnung,
ist neues Leben,
heißt andere lieben
und auch vergeben.


Ostern heißt Singen
von Morgensonne;
das Fest meint Hoffnung
und tiefe Wonne.


Ostern - von Schuld hat
der Herr uns befreit.
Er hing tot am Kreuze
und hat's nie bereut.


Ostern heißt Frieden;
das Herz wird so leicht,
heißt Teilen von Liebe,
die alle erreicht.

 

Maria Sassin