Jaró

Dabei war ich bis dahin der glücklichste Fußball spielende, Bogen bauende, Pfeile schnitzende und Puppen hassende Mensch. Ich hatte eine Unmenge von Spielkameraden. Schritt für Schritt - oder von Hormon zu Hormonflut - veränderte sich jedoch mein Platz auf der Beliebtheits-Ranking-Liste meiner männlichen Gleichaltrigen. Für sie und die 360 weiteren BewohnerInnen des kleinen Dorfes im Spessart (Bayern) bedeutete 15 Jahre plus weiblich: Tanzkurs und Dorfdiscoabende, Rock und Schminke, Feuerwehrfeste mit Tanzkapellen und natürlich die erste Knutscherei mit pickligen Jungs aus der Umgebung. Wenn dich das alles nicht im geringsten Interessiert, du dich jedoch gezwungen fühlst mit zu halten, dann geht es dir nicht nur ziemlich mies. Dann fragst du dich trotz eines Höchstmass an Verdrängungsbegabung wirklich ernsthaft, was mit dir Falsch gelaufen ist.

Meine Alibifreunde hatte ich jedenfalls irgendwann und so war mein Ruf halbwegs gerettet. Im Stillen jedoch war ich seit der 7. Klassen unsterblich in meine Musiklehrerin verliebt. Um dem Ganzen den dazu passenden L-Namen geben zu können brauchte ich 3 weitere Jahre. Wie gesagt, vieles habe ich verdrängt. Erinnern kann ich mich jedoch so deutlich wie an nichts anderes bezüglich einer Begebenheit oder besser: bezüglich eines Gedankens. Von der Schule nach Hause gekommen und von unsterblichem Liebeskummer erfüllt lag ich musikumflutet auf meinem Bett und dachte: „360 Menschen leben in diesem beschissenen Kaff - warum muss es ausgerechnet mich treffen?“ Nun, heute weiß ich - statistisch hat es noch 35 weitere getroffen. Ich frage mich häufig, was die wohl für ein Leben führen mögen.

So viel zu meinem emotionalen Coming Out Start. Dieser warf in mir bis zum 18. Lebensjahr die immer stärker werdende Frage auf: Was mache ich nun mit dieser ganzen Misere? Noch dazu hunderte von Kilometern von jeglicher Beratungsstelle und dem Wissen um solche entfernt? Die meisten 14jährigen Mädels meiner letzten lesbischen Mädchengruppe würden darüber übrigens mit Unverständnis den Kopf schütteln. Die Antwort auf diese Frage bestand in erster Linie aus der Flucht aus einem Elternhaus der Sprachlosigkeit und dem damit verbundenen Kaff im Nirgendwo in die studentische Freiheit. Für echte Städter mag es total witzig klingen, aber der Umzug nach Eichstätt (16000 EinwohnerInnen mit Eingemeindungen und 10 Ampeln!) war für mich Faszination Grossstadt. In dieser nun begonnenen Neuzeit - meine Musiklehrerin-Geschichte hatte ich so halb verdaut - gab es nichts Besseres, als den Sturz ins nächste Gefühlschaos: Ich verknallte mich in meine Mitbewohnerin. Leider war sie auch meine beste und einzig wirklich gute Freundin - wie zu erwarten hetero und (ich drücke es mal harmlos aus) selbst intensiv auf Partnersuche. Damit musste ich mich abfinden. Trotz massiv katholischem Elternhaus war sie jedoch so tolerant, dass diese Zeit unsere Freundschaft zwar gefordert, aber extrem positiv beflügelt hat. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mich mit einem Menschen über das unterhalten, was meine vergangenen 5 Jahre zu einem geheimen und unaussprechlichen Randexistenzdasein gemacht hatte. Kurze Zeit darauf war ich erneut verliebt und endlich ....endlich hatte ich meine erste Freundin! Vier Jahre lang war ich mit meiner Religionspädagogik-Studienkollegin zusammen. Wissen durfte es im Grunde niemand. Sie war der erste und über die nächsten Jahre auch einzige homosexuelle Mensch den ich bis dato kannte. Ich war glücklich verliebt, daher störte mich alles Weitere nicht. Um mich herum war wie gewohnt und selbstverständlich alles heterosexuell. Den Kontakt zur großen weiten Lesbenwelt stellte ich mit einer unzähligen Menge lesbisch/schwuler Lektüre her. Ich las alles was ich kriegen konnte. Als Segen der Wissenschaft stellte sich die Verbreitung des Internets heraus, zu dem ich durch das Rechenzentrum der Uni uneingeschränkten Zugang hatte. Im Laufe der Zeit outete sich der ein oder andere Studienkollege bei mir, ich nahm Kontakt mit dem NkaL auf und die Trennung von meiner Freundin nötigte mir auf, endlich mal zu schauen wo sich die anderen Lesben und Schwule eigentlich aufhalten. Ein Entschluss kristallisierte sich immer mehr heraus: Ein neues Studium in der Homo-Metropole Köln! Hier angekommen stellte ich fest was ich vermisst habe - im Grunde seit 25 Jahren. Es war nicht die Lesbenparty, der Lesbensportverein, die Lesbenberatungsstelle, der Lesbentanzverein, die Lesbenkneipe, das Lesbenzentrum, die Lesbenbuchhandlung, das Lesbenreferat an der Uni und meine Arbeitsstelle als Berufslesbe. Es war die Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen in jedem Winkel dieser Stadt! Wirklich wichtig war zu erfahren was es bedeutet, selbstverständlich lesbisch leben zu können. Mit dieser Erfahrung gewappnet könnte ich mir vorstellen wieder aufs Land zu ziehen... im Grunde lebe ich dort sehr gerne!

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Osterfreude

Ostern ist Hoffnung,
ist neues Leben,
heißt andere lieben
und auch vergeben.


Ostern heißt Singen
von Morgensonne;
das Fest meint Hoffnung
und tiefe Wonne.


Ostern - von Schuld hat
der Herr uns befreit.
Er hing tot am Kreuze
und hat's nie bereut.


Ostern heißt Frieden;
das Herz wird so leicht,
heißt Teilen von Liebe,
die alle erreicht.

 

Maria Sassin