Astrid

Handwerkliches und Technisches haben mich schon immer interessiert. Schön war es, wenn mir mein Lieblingsonkel seine Pullover vermachte. Mit der jungendliche Reife war es aber dann unaufhaltsam - ich bin ein Mädchen. Meine erste Periode war eine Katastrophe für mich. Und ich dachte: Fußball spielen geht nicht mehr. Ging aber doch noch. Leider wurde auch die BH-Körbchengröße ziemlich hoch. Ich habe in einem Verein Handball gespielt. Nie in einer Fußballmannschaft, aber kicke noch heute gerne mal in der Freizeit den Ball. Meine Fahrräder waren ein Bonanza Rad, die gibt es heute wieder, und ein Mädchenrad und schließlich ein Rennrad. Frau war ich stolz. Meine Eltern haben sich dann, bei der Geburt meiner Schwester, einen Jungen gewünscht (Kai wäre sein Name gewesen). Aber es war wieder ein Mädchen. So habe ich mich immer schon als eine Art Sohn in der Familie gefühlt. Wenn es was zu helfen, zu tragen oder so gab, dann bin ich heute, wie damals, noch zur Stelle.
Mit 12 bis etwa 15 Jahren hatte ich drei Freunde. Mit den ersten beiden blieb es beim Küssen und Händchen halten. Bei dem letzten Freund habe ich gemerkt: er will mehr. Aber ich konnte und wollte das nicht. Mit einem Mann schlafen kam nicht in Frage. Und das kann ich mir bis heute nicht vorstellen. Ich habe dann für mich entschieden, ich bleibe eine Single Frau. Was brauche ich einen Mann? Ohne ist mein Leben viel flexibler. Ich muss nicht kochen, wenn ich nicht will. Es reicht gerade, dass ich meine eigene Wäsche bügle. Aufräume wann ich will. Gehe und fahre wohin ich will. Ich war superunabhängig. Und mein Leben hatte sich gut eingerichtet. Geschwärmt habe ich in der Zeit für einige Pfarrer in meiner Umgebung. Da ist auch Freundschaftliches entstanden, das heute noch hält. Einige schwule Männer habe ich kennen gelernt. Und die waren ganz anders als die Jugendlichen und Männer in meinem Umfeld. Sei es in der Schule, später in der Berufsschule oder im Beruf.
Mein Beruf: ich wollte mal Radio- und Fernsehtechnikerin werden oder was mit technischem Zeichnen. Heute bereue ich meine damalige Angst in so einem Beruf nicht bestehen zu können. Ich schraube immer noch gerne an Geräten herum. Ich bin dann aber, nach der Hauptschule, in die Handelsschule gegangen. Habe eine solide Ausbildung als Bürokaufrau gemacht. Und fange 1986, als so genannte Berufsfremde, bei der Sparkasse an. Zuerst am Schalter, der Kontakt mit den Kunden hat mir Spaß gemacht. Dann war ich fünf Jahren als Administratorin (mit anderen KollegInnen) für unserer Computerprogramm zuständig. Grundsätzliche Verwaltung, Datenbanken programmieren und die Hotline für die KollegInnen usw. waren meine Aufgaben. Seit Mai 2007 bin ich Assistentin für verschiedene KundenberaterInnen. in Bingen am Rhein.

Mit 30 Jahren gingen dann verschiedene Gedankenspiele los. Eigentlich wollte ich genauso jung Kinder bekommen wie meine Eltern. Junge Eltern sind was sehr Schönes. Was wäre wenn ich alles aufgäbe und in ein Kloster gehe? Die Franziskanerinnen waren meine Favoriten. Gibt es eine Glaubensgemeinschaft für mich, die dem Klosterleben ähnlich ist? Gehe ich für einige Zeit als Freiweillige nach Bolivien? Ich war dort mal drei Wochen als Multiplikatorin für das Bistum Trier. Nach einigen geistlichen Gesprächen war aber für mich klar: So wie es jetzt ist, ist es gut. Ich stehe als Christin in einem Leben und Umfeld, das wenig mit Gott zu tun hat. Aber gerade da ist mein Platz, um zu zeigen: Gott ist da, auch in einem geistlich fremden Leben. Und mit einen Mann zu leben, konnte ich mir nach wie vor nicht vorstellen.
Mein Glaube: ich bin katholisch getauft, zur Kommunion gegangen und wurde gefirmt. Auch wenn es mir meine Eltern nie vorgelebt haben, war und ist es mir wichtig regelmäßig in die Kirche zu gehen. Ich war eine Zeit lang (12 Jahre lang) im Pfarrgemeinderat, außerdem im Dekanatsrat und in der Dekanatsjugendrunde. War in einem Leitungsteam der evangelischen Jugend und später im katholischen Leitungsteam. Aktivitäten wie die Bolivienaktion, Jugendfreizeiten, Mitarbeiter- und religiöse Wochenenden, Schriftführerin im Pfarrgemeinderat bestimmten mein Leben. Dann merke ich, es wird mir zu viel. Keine Zeit mehr für mich. Die Jugendlichen sind nicht mehr meine Welt. Ich gebe die Jugendarbeit und den Pfarrgemeinderat auf. Trete der KFD (Kath. Frauengemeinschaft Deutschland) bei. Und bin in unserer Gemeinde in der Gruppe „Zeitraum“. Junge Frauen aus der KFD haben sich von den „alten“ etwas abgegrenzt. Wir treffen uns quasi nach unseren Möglichkeiten, da wir alle berufstätig sind und/oder Familie haben. Ich bin übrigens die einzige Single-Frau. Aber ich fühle mich wohl. Auch unserer RadpilgerGruppe gehöre ich an. Außerdem bin noch Lektorin und Kommunionspenderin in unserer Gemeinde. Meine katholische Gemeinde ist für mich auch ein Stück Heimat.
Dass ich eine Frau bin, habe ich mittlerweile akzeptiert. Es gab mal eine Zeit der Kleider und Röcke - aber eigentlich doch überwiegend der Hosen und Männerpullover .Nun irgendwann, ich kann den Zeitpunkt nicht mehr genau festmachen bzw. lief es irgendwie schleichend, kamen ganz neue Gedanken. Wenn schon kein Mann, aber trotzdem Sehnsucht nach Nähe, nach Geborgenheit, dann vielleicht eine Frau? Und ich merkte, dass ich immer schon Männer eher in freundschaftlicher Beziehung sah, aber Frauen schon immer nach Aussehen und sympathisch und „könnte es mehr sein?“ beurteilte. Ich leihe mir Bücher zu diesem Thema aus. Entdecke darin Geschichten, die etwas mit meinem Leben zu tun haben, in denen ich mich wieder finde. Kaufe mir die Emma. Abonniere die lespress und das L-mag. Was gibt es doch viele Bücher und Filme zu dem Thema! Und irgendwann kann ich sagen, zuerst mir selbst: ich bin lesbisch. Ich mag Frauen. Ich mag Frauen sehr. Als erstes treffe ich mich mit einer Kollegin. Ich komme mit ihr ins Gespräch. Wie war das bei dir? Dann gebe ich eine Anzeige auf. Und lerne andere lesbische Frauen kennen. Höre vom Frauenzentrum in Mainz. Dort trifft frau sich. So nach und nach erfahren es enge Freunde, Kolleginnen, dann noch ganz neu, endlich auch meine Eltern. Eine Freundin sagte, sie hätte es schon lange gewusst, lange vor mir. Ich merke immer mehr : das ist meine Welt, da gehöre ich hin. Das erste Mal im Frauenzentrum - ich unter lauter lesbischen Frauen. War das ein schönes Gefühl. Auf dem Ziegeleifest in Mainz-Bretzenheim, Sommerschwüle in Mainz - ich bin angekommen. Ich ändere meine Kleidung, sortiere im Schrank einiges aus und Neues kommt dazu. Ein paar Röcke sind doch noch dabei. :-D Aber mein Stil ist ein wenig anders. Lesbischer?
Nun weiß ich natürlich was der Papst von Homosexuellen hält. Also ist der nächste Katholikentag meine Chance. Von anderen Katholiken- und Kirchentagen weiß ich, dass es zumindest für Schwule Räume in der Kirche gibt und diese sich da organisieren. Bei einem dieser Kirchenaktionen hatte ich schon mal, aus Solidarität einen Luftballon von so einer Gruppe an meinem Rucksack gehabt. Aber 2004 in Ulm geht es um mich. Im Programmheft suche ich mir Workshops zum Thema Homosexualität und Kirche aus. In den Halle besuche ich überwiegend nur solche Stände. Und dann treffe ich Frauen und entdecke den Stand vom NkaL. Und merke es geht, lesbisch und katholisch zu sein. Die Frauen sind nett und aufgeschlossen. Wir gehen zusammen weg und an einem Abend gibt es einen Gottesdienst mit anschließendem gemütlichem Beisammensein. Das war schön. Im März 2004 bin ich Mitfrau im NkaL geworden. Und beim Binger NkaL-Wochenende im April 2005 treffe ich einige Frauen aus Ulm wieder. Und das ist mein zweites Ankommen. Es ist schwer zu beschreiben: In meiner engagierten Jugendarbeitszeit habe ich ja schon gemerkt, dass gläubige Menschen anders miteinander umgehen. Vor allem junge erwachsene Menschen. Liebevoller, angenommener und unvoreingenommener. Und das habe ich an diesem Wochenende auch gemerkt. Da glauben lesbische Frauen an Gott, suchen gemeinsam nach dem Glauben und nehmen jede Frau wie sie ist. Mit all Macken und Rundungen. Das war schön und hat sehr gut getan.
Mittlerweile habe ich schon einige Standdiensterfahrung auf CSD`s ,  Kirchen- und Katholikentagen. Es meist Gepräche die schön sind und Mut machen. Und ich genieße die Atmosphäre jedes Mal auf neue. Und wie viele kenne ich mittlerweile persönlich. Ein neues Thema spitzt immer mal so raus „Transmänner“. Den mich stört am meisten das 90c an mir. Ach, ja!
Jetzt wird sichtbar was ich bin. Der Regenbogenaufkleber klebt auf Auto und Fahrrad. Das „Lesben-Zeichen“ am Rucksack. Und wo es sich ergibt, stehe ich dazu und rede nicht mehr drum herum. Beliebte Fragen sind:“ Bist du verheiratet?, „Hast du einen Freund?“ oder „Du bist immer noch Single?“. Denen begegne ich jetzt offener und ehrlicher. Mein größter Wunsch wäre es, jetzt eine liebe Partnerin zu finden, ihr seht ja aus dem Text, dass ich da bisher noch keine Erfahrungen machen konnte. Eine Partnerin, die mein Katholischsein akzeptiert, sie muss es noch nicht mal selbst sein. Wäre natürlich schön wenn doch. Ich möchte die Liebe von ganzem Herzen leben und erleben. Ich halte an Gott fest, weil er auch an mir festhält. Nie lässt er mich fallen. Er hat mich so geschaffen wie ich nun mal bin. Genauso wollte er mich. Und vielleicht sind eines Tages wirklich alle Mensch vor Gott gleich, auch für die Kirche und den Papst. Ich finde es wichtig sich sichtbar zu vernetzen. Zu zeigen, dass beides mir wichtig ist - der Glaube an Gott aber auch die Liebe zu Frauen. Gott ist die Liebe.

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schönheit und fülle


schönheit und fülle
bist du,
göttin gott
verbirgst dich
in gras und blume
in baum und bach
in schmetterling und hummel
wolken und sonne


und sprichst
dich zugleich
in ihnen aus


schönheit und fülle
bist du,
göttin gott
verborgen im himmel
der sich öffnet
manchmal
für einen blick


schönheit und fülle
bist du,
göttin gott
verborgen in allem


und alles
birgt dich


ursprung aller lebendigkeit

(CK)