Petra

Wie nebenher kamen auch die entsprechenden Sakramente auf mich zu. Trotzdem - oder gerade deswegen? - war mein Verhältnis zur Kirche angespannt. Ich wollte meinen eigenen Kopf durchsetzen, eigene Ziele verfolgen, die nicht so kirchenkonform schienen. Unter dem Motto: „Verändern kann nur die etwas, die im System steckt“, arbeitete ich sehr aktiv in der Jugendarbeit unserer Gemeinde mit. Bei Schulendtagen lernte ich eine junge Frau kennen, die Religionspädagogik studierte, etwas völlig unbekanntes, gab es in unserem Teil des Bistums noch nicht, diese Neuerung der Gemeindereferentinnen. Ich interessierte mich sehr für diesen Beruf und sammelte an Informationen, was es zu sammeln gab. Es war sehr wenig. Trotzdem war ein Berufswunsch geboren. Zwar wollte ich nach dem Abitur erst eine Lehre (Schreinerin) machen, aber das Studium war fest eingeplant. Leider wurde aus der Lehre nichts, dafür bekam ich sofort die Zusage zum Studium.

In dieser Zeit erlebte ich meine erste einschneidende Diskriminierung: die Clique, in der ich jahrelang mich heimisch fühlte, realisierte erst innerhalb der ersten Studienmonate, dass ich so etwas „Frommes“ studierte. Sie hatten mit Sozialpädagogik gerechnet (wie gesagt, wer kannte schon den Studiengang Religionspädagogik!?). Kaum war der Denkfehler richtig gestellt, stand ich allein da. Offensichtlich war ein weiterer Kontakt von ihrer Seite aus nicht mehr möglich.

Der Umzug in die weite Welt ließ mich schnell über diesen Verlust hinwegkommen. Kontakte zu Lesben hatte ich in dieser Zeit nicht, in meinem Semester war ein schwuler Mann, der leider nach dem Anerkennungsjahr nicht weiter im Dienst der Kirche arbeiten durfte.

Noch während des Studiums lernte ich meinen späteren Mann kennen, einen Priesteramtskandidaten, mit dem ich erst einige Monate eine heimliche Beziehung lebte. Mein erster Kontakt zu dem Phänomen: nicht jede Liebe ist von der Öffentlichkeit erwünscht! Göttin-sei-Dank hatte er die Größe und stand zu mir, so dass wir zwei Jahre später (ich war gerade im Anerkennungsjahr) heirateten.

Alles lief in wohlgeordneten Bahnen und völlig unspektakulär; von meiner Begabung, Frauen zu lieben, ahnte ich noch nichts, im Gegenteil, ich wies es einmal strikt von mir, als eine alte Klassenkameradin mir erzählte, sie könne sich auch vorstellen, einmal mit einer Frau zusammen zu sein.

Der Knick kam, als zwei weitere Jahre später mein Mann an einer Krebserkrankung starb. Da war ich 25, und der erste Traum dramatisch zu ende geträumt. Was folgte, war nach einer jahrelangen Trauerphase ein vorsichtiges Herantasten an neue Beziehungen: ich verliebte mich erst einmal in Männer, die aus unterschiedlichen Gründen sowieso nicht in Frage kamen: zu alt, zu verheiratet, zu zölibatär, zu weit weg...

In dieser Zeit aber hatte ich eine sehr intensive Freundschaft zu einer Jugendleiterin meiner Gemeinde, sie war sehr kirchlich geprägt. Vater ehemaliger Priester, Mutter Religionslehrerin, Patenonkel war mein Pfarrer. Sie studierte einige Semester Theologie. Wir fuhren gemeinsam in Urlaub, musizierten gemeinsam in einer Band für Neues Geistliches Liedgut, teilten alle Freuden und Leiden des täglichen Lebens - im Urlaub sogar das Bett. Allerdings verlief alles ganz harmlos, bis ich plötzlich für mich feststellte: „Wäre Petra ein Peter, würde ich mich in ihn verlieben.“ Und dann, schon wenig später: „Was macht das eigentlich für einen Unterschied. Ich liebe diese Person, genau so wie sie ist.“

Es dauerte immer noch ein halbes Jahr, bis ich mich durchgerungen hatte, ihr meine Gefühle zu schildern. Und kaum hatte ich Luft geholt, ihr meinen Gemütszustand zu beichten, erklärte sie mir, sie sei frisch verliebt und nun seit einigen Wochen mit einer Frau zusammen. Worauf ich erst einmal den Mund hielt und leise vor mich hin litt.

Nur einige Monate später, ich hatte den Beruf der Gemeindereferentin an den Nagel gehängt, Sozialpädagogik studiert und gerade meine erste Stelle angetreten, verliebte ich mich aufs neue in eine Frau, die ich vom Studium kannte. Seit über drei Jahren sind wir nun zusammen, und ich bin mit unserer Liebe sehr glücklich.

Schön ist es, wie meine Freunde - fast alle aus dem katholischen Milieu und noch im pastoralen Dienst tätig - auf mein Coming-out reagierten. Einige erbaten sich Zeit, um sich an den Gedanken zugewöhnen, andere wünschten mir viel Glück in dieser ersten Beziehung nach sieben Jahren Witwendasein... Meine Angst, dass Freundschaften aufgrund meines lesbischen Lebens zerbrechen würden, war völlig unberechtigt, und ich bin stolz darauf, solch gute Freunde zu haben.

Meine Familie ging völlig anders mit der Situation um: mein Bruder und seine Frau finden es OK, meine Eltern haben sich zwei Jahre lang nicht weiter dazu geäußert als mit einem Hausverbot gegenüber meiner Freundin. Mein Vater sprach von einer Übersprungshandlung, da ich mich nach dem Tod meines Mannes wohl noch nicht wieder an Männer herantrauen würde. Langsam scheint sich das auch zu entkrampfen.

Obwohl ich mit meiner zweiten Ausbildung eine relative Sicherheit und Unabhängigkeit von Kirchens habe, ist mein jetziger Arbeitgeber (natürlich) die katholische Kirche. Ich liebe meinen Job und sehe leider kaum eine Möglichkeit, woanders eine ähnliche Tätigkeit auszuüben, da die Kürzungen der letzten Jahre im Sozial- und Bildungsbereich kaum Spielraum lassen.

In meinem beruflichen Umfeld weiß nur eine Kollegin „Bescheid“. Mir persönlich tut es gut, nach zwei Jahren absolutem Stillschweigen über meine persönliche Situation wenigstens etwas freier reden zu können. Angst machen mir oft Gespräche mit unserem Vorgesetzten, die oft von seiner Seite aus auch sehr persönlich werden können. Da wird hin und wieder die Frage gestellt, ob ich denn wohl einen Freund hätte. Diese Indiskretion wird von mir zwar als solche benannt, aber es ist doch eine schwierige Situation, die ich immer wieder fürchte. Kürzlich stellte mein Chef meiner Kollegin die Frage, ob ich wohl evtl. mit der U. liiert wäre (er hat sie in den letzten drei Jahren vielleicht fünfmal gesehen!). Sie erzählte mir davon und mir fing sofort das Herz an bis zum Hals zu schlagen. Ich weiß nicht, wie lange ich dieses Versteckspiel noch aufrecht erhalten kann. Vor allem, weil jetzt meine Freundin in der Nähe eine Stelle in Aussicht hat und wir gerne zusammenziehen wollen.

Meine Kollegin unterstützt mich, so gut sie kann. Wenn es z.B. um die Urlaubsplanung geht, sprechen wir beide uns erst ab, bevor wir damit offiziell werden. Dabei kann ich ihr gegenüber deutlich machen, wann ich meinen gemeinsamen Urlaub mit U. nehmen will/muss. Diese Argumentation ist mir ja verwehrt, da ich ja offiziell „Single“ bin und auf Urlaubszeiten anderer ja keine Rücksicht zu nehmen brauche. Ähnlich verfahren wir auch bei der Absprache beruflicher Termine, z.B. Wochenplanung oder Dienst an Feiertagen wie z.B. Silvester. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Ich stecke viel Kraft, Zeit und Geld in Weiterbildungen, um möglichst unabhängig und flexibel auf den Arbeitsmarkt reagieren zu können. Als lesbische Frau zu leben, bedeutet für mich auf der einen Seite, viele schöne Seiten genießen zu dürfen, aber auch viel Frust. So erlebe ich immer wieder, dass kirchliche Regeln, Traditionen etc. für mich nicht gelten dürfen bzw. nie gelebt werden können. Dabei suchen meine Freundin und ich z.B. nach einem Weg, eine Art Eheversprechen zu erarbeiten und in diesem Zusammenhang auch den Segen Gottes zu erbitten. Mir ist so etwas sehr wichtig. Andererseits spüre ich immer sehr deutlich, wenn ich mit anderen Lesben spreche, dass es wohl kaum möglich sein soll, lesbisch zu leben und zu lieben und gleichzeitig weiterhin eine Heimat in der Kirche zu suchen. So lässt meine Kirchenzugehörigkeit, zu der ich stehe, manchmal Kontakte und Gespräche in Lesbengruppen nicht zu, andererseits kann ich nicht als Lesbe in einer Kirchengemeinde leben, ich würde mir sofort das (berufliche) Grab schaufeln. Damit fühle ich mich in doppelter Hinsicht isoliert und allein gelassen.

Ich erlebe mich häufig zwischen allen Stühlen sitzend, werde weder der Institution Kirche noch mir gerecht, wobei ich letzteres als absolut schlimm erlebe. Ob es je einen Ausweg aus diesem Dilemma geben wird? I am what I am: eine katholische Lesbe, ausgestattet mit der Begabung, Frauen zu lieben, und mit der Überzeugung dass Gott mich in der Kirche so haben möchte, so wie ich bin. Ob das seine „Schäfchen“ wohl je so sehen werden?

P.S.: Natürlich heißt Petra nicht Petra. Sie hat mittlerweile auch nichts mehr mit der Kirche am Hut, und unsere Freundschaft ist zerbrochen. Sicher auch, weil ich Mutter Kirche nicht Adieu sagen wollte/konnte.

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schönheit und fülle


schönheit und fülle
bist du,
göttin gott
verbirgst dich
in gras und blume
in baum und bach
in schmetterling und hummel
wolken und sonne


und sprichst
dich zugleich
in ihnen aus


schönheit und fülle
bist du,
göttin gott
verborgen im himmel
der sich öffnet
manchmal
für einen blick


schönheit und fülle
bist du,
göttin gott
verborgen in allem


und alles
birgt dich


ursprung aller lebendigkeit

(CK)