Denkanstöße

Bibel und Homosexualität

Bibel und Homosexualität
- vertiefte Auseinandersetzung -

 

Weitere Argumentationshilfe: 

Wer mit der Bibel argumentiert muss immer den Kontext betrachten. Dazu gehört, kulturelle und historische Faktoren zu berücksichtigen.

Die Vorstellung antiker Menschen über Geschlechtlichkeit und Sexualität war eine andere als die, die wir heute kennen. Geschlechtsverkehr diente vorrangig der Fortpflanzung, nur selten werden erotische Aspekte benannt (siehe das Hohelied). Und so kennt die biblische Überlieferung auch keine Homosexualität, wie wir sie heute kennen.

Wenn in der Bibel von sexuellen Handlungen zwischen Männern - Frauen kommen in dem Kontext gar nicht vor - die Rede ist, dann geht es nie um liebevolle Beziehungen. Die gab es in der damaligen Vorstellung noch nicht - obwohl sie natürlich existierten. Deshalb kann die Bibel homosexuelle Beziehungen nicht verbieten, weil sie die gar nicht kennt.

Drei Stellen, die bei einer versuchten biblischen Begründung  immer wieder zitiert werden, sind Genesis 19, 5, Levitikus 18, 22 und Römer 1, 26-27.

Im Buch Genesis geht es nicht um einvernehmlichen Sexualverkehr, sondern um eine geplante Vergewaltigung.

In Genesis 19 wird die Erzählung über die Städte Sodom und Gomorrha überliefert. Zwei Engel besuchen Lot in Sodom. Lot lädt sie in sein Haus ein und gewährt ihnen damit das Gastrecht; er stellt die Fremden unter seinen Schutz. Die männlichen Stadtbewohner Sodoms verlangen von Lot, dass er seine Gäste herausgibt, damit sie mit ihnen „verkehren“ können. Würde Lot sie gewähren lassen, würde er das Gastrecht brechen. Stattdessen bietet er ihnen als Ersatz seine Töchter zur Vergewaltigung an. Die Sünde der Männer von Sodom ist nicht Homosexualität, sondern die Demütigung von Schutz­bedürftigen und die Ausübung von sexualisierter Gewalt.

Der Text aus dem Buch Levitikus lässt verschiedene Deutungen zu. Zum Einen kann man, aus dem hebräischen Text heraus, die Passage so deuten, dass es um den sexuellen Akt einer Frau mit zwei Männern geht, zum Anderen kann sie so versanden werden, dass ein Mann nicht die passive Rolle beim Geschlechtsverkehr einnehmen darf. Es war im Übrigen auch untersagt, mit einer menstruierenden Frau Geschlechtsverkehr zu haben. Im ganzen kontextuellen Umfeld des Textes werden unterschiedliche Formen von Sexualität benannt. Nie geht es dabei aber um den sexuellen Akt an sich, sondern um die Nachkommen. Durch sie soll die Reinheit des von Gott auserwählten Volkes aufrecht erhalten werden. Und dazu gehört auch, dass klar sein muss, wer der Vater des Kindes ist.


All die oben genannten Beispiele werden als Gräuel bezeichnet. Ebenso das Essen von Lebewesen aus dem Wasser ohne Schuppen und Flossen, also zum Beispiel Muscheln oder Scampi. Blutwurst gehört auch zu den Gräueltaten – schlechte Nachricht für viele Wurstesser, da ja Schweinefleisch generell auch verboten war. Die Speisegesetze, die für Christ*innen nicht mehr gelten, nehmen übrigens im Alten Testament weitaus mehr Raum ein, als alle Bemerkungen zur Sexualität.

In der Antike hatte Sexualität zwischen Männern oft mit Macht zu tun, es gab einen Überlegenen und einen Unterlegenen. Oft wurden Kriegsgefangene vergewaltigt – etwas, das auch heute leider immer noch geschieht. Gegen diese Praxis einer Sexualität, die auf Macht basiert, wendet sich Paulus im Brief an die Römer.

Der andere Aspekt des Briefes an die Römer liegt auf der Einhaltung der gesellschaftlichen Rangordnung im römischen Reich. Der Mann galt als aktiv, die Frau als passiv, der (freie) römische Mann dominierte die Frau. In einem Geschlechtsakt zweier Männer, bei dem ein Mann die passive Rolle einnimmt, hätte dieser Mann sich unterlegen, weiblich gezeigt. Das aber war nach römischem Verständnis verpönt. Eine gleichgeschlechtliche Beziehung war deshalb für Paulus abzulehnen, da sie für ihn, den römischen Bürger, gegen die gesellschaftliche Konvention verstieß.

Eine Stigmatisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen im heutigen Sinne ist aus der Bibel nicht abzuleiten.

Und wenn schon mit der Bibel argumentiert wird, dann darf auch das Liebesgebot des Neuen Testaments nicht außer Acht gelassen werden. Zum Beispiel so, wie es in 1 Joh 4, 16 formuliert ist:

„Gott ist Liebe und alle, die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott und Gott bleibt in ihnen.“

Link zum Umgang mit Bibeltexten bei der HuK: hier